Zur Kritik der Politik

Zur Kritik der Politik

Die Politik wird häufig als das entscheidende Mittel zur Erreichung von gesellschaftlich wünschenswerten Zielen aufgefasst. Dementsprechend müsse man „politisch sein“ um eine sozial würdige Existenz führen zu können. Doch zweifellos kann ein solches „Politisch-Sein“ nicht unabhängig von inhaltlichen Bestimmungen bewertet werden oder auch hinsichtlich der Frage, wie sich die Durchsetzung der je eigenen Interessen im Namen von Politik mit den gesellschaftlichen Zielvorgaben verträgt. Fragen dieser Art können nur adressiert werden, wenn wir die Politik nicht als reines Mittel auffassen, sondern ebenso als einen Zweck. Als Zweck lässt sich die Politik wiederum nur begreifen, wenn wir nach ihrer Bedeutung im symbolischen Gefüge der modernen Welt fragen: sie kann derart nicht als grundlegende Bedingung und Voraussetzung jeder Vorstellung von sozialer Existenz verstanden werden, sondern bloß im Hinblick auf ihre eigenen Bedingungen und Voraussetzungen. Diese können sozialer, kultureller, ökonomischer oder auch mythisch-religiöser Art sein.

Von hier ausgehend lässt sich behaupten, dass es nicht nur ein „Politisch-Sein“, sondern darüber hinaus auch eine Kritik der Politik braucht, um die Funktionsweisen der Politik im Rahmen der gegenwärtigen, globalen kapitalistischen Ordnung ebenso wie die Potenziale ihrer unterschiedlichen konkreten Formen besser abschätzen zu können. Das Seminar dient der Vorbereitung einer Tagung im nächsten Semester und wird an Hand von konkreten Lektüren die Fragestellung sowohl zu den Bedingungen als auch zu unterschiedlichen Formen von Politik an aktuelle Positionen der politischen Theorie herantragen. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf die Frage gelenkt werden, wie sich die unterschiedlichen, institutionellen und informellen, aktivistischen und symbolischen, radikalen und reformistischen, praktischen und reflexiven, affirmativen und subversiven Formen der Politik zu ihren jeweiligen Bedingungen verhalten. Voraussetzung hierfür wird die Annahme sein, dass sich auch eine Kritik der Politik letztlich nur aus dem symbolischen Raum der Politik heraus entwickeln lässt.

Literatur:

Joachim Bruhn, Manfred Dahlmann, Clemens Nachtmann (Hg.), Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag, Freiburg (ca ira) 2000

Ulf Bohmann, Paul Sörensen (Hg.), Kritische Theorie der Politik, Berlin (Suhrkamp), 2019

Gyorgy Konrad, Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1985

Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München (Piper) 1970

Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak, Sprache, Politik, Zugehörigkeit, Zürich, Berlin (diaphanes) 2017

Chantal Mouffe, Das demokratische Paradox, Wien (Turia + Kant) 2018

Oliver Marchart, Die politische Differenz: Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben, Berlin (Suhrkamp) 2010

Ralf Krause, Marc Rölli, Mikropolitik: Eine Einführung in die politische Philosophie von Gilles Deleuze und Felix Guattari, Wien (Turia + Kant) 2010