Transzendentale Ästhetik. Kant und die Folgen für die Kunst

Transzendentale Ästhetik. Kant und die Folgen für die Kunst

(in Kooperation mit Zeynep Türel)

Die Folgen der Kantischen „Revolution der Denkungsart“ für die Kunst werden zumeist an den, in der Kritik der Urteilskraft von 1790 entwickelten, spezifisch ästhetischen Kategorien des Schönen und des Erhabenen, des Geschmacks und des Genies festgemacht, wobei das, die Schönheit stimulierende „interesselose Wohlgefallen“ als Ausgangspunkt einer angeblichen Autonomie von Kunst verstanden wird. Daran konnte wiederum leicht eine grundlegende Kritik festgemacht werden, etwa im Namen avantgardistischer bzw. aktivistisch-heteronomer Praktiken, wie sie noch die vielfältigen Erscheinungsweisen der Gegenwartskunst bestimmen. Diese Praktiken sind selbst allerdings nur zu verstehen, wenn wir sie auf einen Begriff von Kunst beziehen können, der noch ihren vielfach anti-künstlerischen Ansprüchen zugrunde liegt. Ein solcher Begriff von Kunst könnte expliziert werden, wenn wir anstatt der Kritik der Urteilskraft die bereits in der Kritik der reinen Vernunft entwickelte Vorstellung einer „transzendentalen Ästhetik“ zum Ausgangspunkt nehmen, die bereits in der idealistischen und frühromantischen Rezeption radikal umgedeutet wurde – von den jede empirische Wahrnehmung regulierenden Ideen hin zur spezifischen Qualifizierung einer Idee der Kunst. Hierbei verändern sich nicht nur der Begriff der Ästhetik von einer Wahrnehmungslehre hin zu einer Kunstphilosophie, sondern auch der Begriff der Kunst selbst. Er wird gleichzeitig wahrheitsfähig und erfahrungsbezogen, behauptend und reflexiv, und damit fähig, im Begrenzten ein Unbegrenztes, im Anwesenden ein Abwesendes, im Positiven ein Negatives zu repräsentieren. Zu diskutieren wird sein, wie sich diese transzendentale Idee von Kunst gegenüber allen Versuchen ihrer Überwindung bzw. Abschaffung im Namen rein materieller, medialer oder performativ-aktivistischer Bestimmungen weiterhin behaupten und als kritischer Grenz- und Grundbegriff eines konzeptuellen bzw. post-konzeptuellen Verständnis von Gegenwartskunst in Stellung bringen lässt.

 

Literatur:

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781/1787.

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, 1790.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, System des transzendentalen Idealismus, 1800.

Rado Riha, Kant in Lacan'scher Absicht. Die Kopernikanische Wende und das Reale, Wien (Turia + Kant) 2018.

Eckart Förster, Die 25 Jahre der Philosophie: Eine systematische Rekonstruktion, Frankfurt am Main (Vittorio Klostermann), 2017.

Monika Tielkes, Schillers transzendentale Ästhetik. Untersuchungen zu den Briefen ‚Über die ästhetische Erziehung des Menschen‘, 1973.

Claus-Artur Scheier, „Schiller - Architekt der transzendentalen Tragödie“, in: Coincidentia 7/2 - 2016, 197-237.

Brigitte Hilmer, „Kunst als reflexive Form und als reflektierende Bewegung“in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft Band 55. Heft 2, 2010, S. 75 – 86.

Marcus Quent, Gegenwartskunst: Konstruktionen der Zeit, Zürich (diaphanes) 2021.

Peter Osborne, The Postconceptual Condition: Critical Essays, London, New York (Verso), 2018.

Michal Mrugalski, Tragödie und Revolution. Die kritischen Tragödientheorien als Ästhetiken der Praxis in Deutschland, Polen und Russland 1789-1848-1917, Paderborn (Brill/Fink) 2021.