Medien als symbolische Formen

Medien als symbolische Formen

Für Marshall McLuhan sind Medien Erweiterungen des Körpers und seiner Sinnesorgane; für Marx - im berühmten Fragment über die Maschinen aus den „Grundrissen“ - sind sie „von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Gehirns, vergegenständlichte Wissenschaft“. Friedrich Kittler wiederum sah umgekehrt das menschliche Gehirn von den technischen Maschinen bestimmt und Freuds „psychische Mechanismen“ in Dampfmaschine und Telegraf, Radio und Schreibmaschine begründet. Wie können wir aus diesen widersprüchlichen Bestimmungen Sinn schöpfen – hinsichtlich des Verstehens von Medien ebenso wie hinsichtlich ihres alltäglichen Gebrauchs und der Abhängigkeiten, die dieser erzeugt? Zweifellos haben sich Medien von bloßen Mitteln (Ausdrucksformen, Werkzeugen, technischen Objekten und Verfahren), die unsere Körper und unseren Geist erweitern und uns Welten erschließen sollten, zu Konglomeraten und Konstellationen verselbstständigt, die Körper und Geist weitgehend bestimmen, gerade indem sie sich der scheinbar bloßen Verfügbarkeit anbieten wollen. Längst sind sie nicht mehr als Objekte oder als Mittler im Zwischenraum einzelner Individuen lokalisierbar; sie durchdringen vielmehr die sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Räume und bestimmen die Subjektivierungsformen ebenso wie die Formen des Wissens und des Verstehens, die sich darin ausbilden können.

Gewusst und verstanden werden können Medien mithin nur aus den medialen Voraussetzungen jeden Wissens und Verstehens heraus. Nicht nur die Sprache bedingt auf grundlegende Weise jedes Wissen und Verstehen zw. Denken, ihre zunehmende Medialisierung durch den Buchdruck, die sich daraus entwickelnden Verbreitungsmedien bis hin zu den digitalen Formaten von heute schreiben sich nachdrücklich in die symbolische Ausdifferenzierung unterschiedlicher Wissens- und Verstehensformen zwischen Wissenschaft und Technik, Kunst und Politik ein. Das medial generierte Wissen der Moderne – die vielbeschworene „Explosion des Wissens“ oder das „Wissen der Menschheit“ (Wikipedia) – zielt nicht auf Wahrheit und Sinn, sondern auf die Unmöglichkeit, dieses Wissen noch zu denken oder zu verstehen. Es handelt sich um ein Wissen ohne Subjekt, ein Wissen, das nicht gewusst werden kann und dennoch auf unheimliche Weise produktiv, affektiv und realitätsgenerierend wirksam ist. Die These dieser Lehrveranstaltung wird sein, dass die Unmöglichkeit, dieses Wissen zu denken, selbst jedoch immer noch gedacht werden kann.

Um Medien zu denken, braucht es eine Kategorie, die nicht von außen auf die Dinge sieht, diese nach objektiven Kriterien anzuordnen, zu erklären oder zu verstehen versucht, sondern eine, die immer schon in Dinge wie Wahrnehmungen involviert ist, die kein Außen kennt und doch den Anspruch an eine Wahrheit im Denken nicht preiszugeben gewillt ist. Zwischen philosophischer und psychoanalytischer Begrifflichkeit angesiedelt, scheint mir das Symbolische eine solche Kategorie darzustellen. Es navigiert konstitutiv zwischen den Polen von Sinnen und Geist, Subjekten und Objekten, individuellen und kollektiven Bezügen, Wissen und Wahrheit, ohne dabei die Widersprüchlichkeiten dieser Bestimmungen überwinden oder auflösen zu wollen. Weder als reiner Materialismus in technischer, operativer oder ontologischer Form noch als reiner Idealismus von Kommunikationsprozessen verstanden, lassen sich mit dem Symbolischen jene Widersprüchlichkeiten adressieren, die im historischen Raum der hegemonialen westlichen Moderne jede Einheit und Totalität ebenso verhindern wie sie zur ungebremsten Multiplikation ihrer selbst durch systematische Vergegenständlichung und Vergegenwärtigung anreizen.

 

Literatur:

Marie-Louise Angerer, Affektökologie: Intensive Milieus und zufällige Begegnungen, Lüneburg (meson press) 2017.

Richard Barbrook, Andy Cameron, „The Californian Ideology“, in: http://www.imaginaryfutures.net/2007/04/17/the-californian-ideology-2/

N. Katherine Hayles, How We Became Posthuman: Virtual Bodies in Cybernetics, Literature and Informatics, Chicago,

London (The University of Chicago Press), 1999.

Martin Heidegger, „Die Frage nach der Technik“, in: Martin Heidegger, Vorträge und Aufsätze, Pfullingen (Neske) 1954, S.

13 – 44.

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main (Fischer)

1969.

Friedrich Kittler, „Die Welt des Symbolischen – eine Welt der Maschine“, in: Friedrich Kittler, Draculas Vermächtnis.

                  Technische Schriften, Leipzig (Reclam) 1993, S. 58 - 80.

Jacques Lacan, Freuds technische Schriften. Das Seminar, Buch I, Wien, Berlin (Turia + Kant) 2015.

Jacques Lacan, Television. A Challenge to the Psychoanalytic Establishment, New York (W. W. Norton) 1980.

Jill Lepore, If Then: How the Simulmatics Corporation Invented the Future, New York (Liveright) 2020.

Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt am Main (Europäische Verlagsanstalt) 1975.

Marshall McLuhan, Understanding Media: The Extension of Man, London, New York (Routledge) 2001.

Claus Pias, Cybernetics: The Macy Conferences 1946-1953. The Complete Transactions, Zürich, Berlin (diaphanes) 2015.

Gilbert Simondon, Die Existenzweise technischer Objekte, Zürich, Berlin (diaphanes) 2012.