Eine Ästhetik der Unmittelbarkeit

Eine Ästhetik der Unmittelbarkeit

Der Topos der Unmittelbarkeit ist allgegenwärtig. In seiner Opposition zum Vermittelten verweist er auf das Direkte, das Echte und Unverstellte. Die generelle Skepsis gegenüber dem Vermittelten, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zugespitzt hat, geht auch mit der Hoffnung auf das Freisetzen von emanzipatorischem Potenzial durch das Beseitigen solcher Trennungen einher. Das zeigt sich in verschiedenen Bereichen – etwa in einer Pädagogik, in der auf Distanz angelegte Formen, wie etwa der Frontalunterricht, zunehmend abgelehnt werden und ein Autoritätsgefälle zwischen Lehrenden und Lernenden zurückgewiesen wird. Die Unterhaltungsindustrie und auch die Politik bedienen sich an Formen, die sich unvermittelt an die Emotionen der Massen richten sollen. In der Kunst waren es zum Beispiel die medialen Verschiebungen im Theater mit denen versucht wurde, sich einer Vermittlungsposition zu entledigen. Vor allem werden auch neuere künstlerische Formen, wie die Performance, das Happening, eine partizipative Kunst oder auch installative Praktiken als implizit und explizit gegen das Vermittelte gerichtet verstanden.

In der Lehrveranstaltung wird es darum gehen, diese Zeitdiagnose zu hinterfragen und die Idee eines emanzipatorischen Potenzials im Unmittelbaren in ihren verschiedenen Aspekten zu verstehen. Dabei werden wir die zeitgenössische Diskussion durch ein historisch und thematisch breites Spektrum an Ansätzen erweitern und dabei punktuell auf verschiedene Gesichtspunkte eingehen. Beispielsweise beschäftigen wir uns mit Jean-Jacques Rousseaus Schriften und nehmen auf seine Figuren der Unmittelbarkeit und ihren Zusammenhang mit einem Emanzipationsversprechen Bezug. Wir versuchen Ideen des Unmittelbaren in den Kategorien einer philosophischen Ästhetik und ihrer Privilegierung des Sinnlichen (prägnant formuliert etwa in Schillers ästhetischer Erziehung) zu denken um weitere Perspektiven zu gewinnen. Beispielsweise durch Überlegungen zum Motiv der Spaltung des Subjekts in ein Denkendes und Nichtdenkendes (logos und pathos), zur Opposition rationaler Distanz und unmittelbarem Erlebnis sowie zum Gegensatz des Menschlichen und des Animalischen (wie es etwa bei Jacques Rancière, Christoph Menke beziehungsweise Giorgio Agamben in Anlehnung an Freud, Nietzsche, Sokrates, Aristoteles und Heidegger nachzulesen ist).

Ziel des Seminars ist es, den populären und scheinbar so einfachen Topos des befreienden Unmittelbaren auf seine Grundlagen rückzubeziehen und ihn als komplexen Diskurs mit vielschichtigen Implikationen, jenseits einfacher Gegensätze, zu fassen. Dabei werden wir, auch je nach den Interessen in der Gruppe, eine Auswahl an Texten als Diskussionsgrundlage heranziehen.