Die List der symbolischen Vernunft

Die List der symbolischen Vernunft

Warum ist die Welt nicht so, wie wir sie uns wünschen? Was hindert uns daran, sie in der Art und Weise einzurichten, dass sie unserem Wollen, Wünschen und Begehren entspricht? Diese für uns heute so zentrale und elementare Frage wäre für Hegel vollkommen sinnlos gewesen, hatte er doch eine Instanz zur Hand, die sich von sich aus um das Beste für uns kümmere: den Geist. Dieser Geist wirke durch uns hindurch und verwandle kraft einer List der Vernunft unsere Beschränktheit in den partikularen und sinnlichen Interessen in die wohlgefälligen objektiven Ziele von Recht, Sittlichkeit und Geschichte, in denen sich die Freiheit unseres Wollen, Wünschens und Begehrens realisiere. Bei Marx machen wir zwar die Geschichte selbst, aber leider nicht aus freien Stücken. Die List Hegels wird ihm zum Alp, der auf den Gehirnen der Lebenden lastet. In welchem Sinn lässt sich dieser Alp verstehen? Können wir ihn loswerden und die Geschichte doch noch aus freien, selbstgewählten Stücken, das heißt in einer Synthese unseres Denkens und Wollens, Fühlen und Handelns, machen? Oder gibt es etwas im Geist ebenso wie im Wollen, im Begehren wie im Wahrnehmen und im Tun, das sich konstitutiv unserer Kontrolle entzieht?

Die Vorlesung geht davon aus, dass es tatsächlich eine solche Instanz eines konstitutiven Kontrollverlusts gibt – das Symbolische. Dieses Symbolische scheint sich tatsächlich einer List zu bedienen, unser Imaginäres immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Es scheint wiederum einer List zu bedürfen, es überhaupt zu adressieren, und doch scheint auch hier Vorsicht geboten. Denn für Adorno und Horkheimer war die subjektive List nichts anderes als jenes Moment, in dem sich das bürgerliche Subjekt seinen unverfügbaren Bedingungen gegenüber durchzusetzen versucht und damit ein instrumentelles Verhältnis zur Welt eingeht. Gerade im Versuch der totalen Kontrolle verliere sich so die Welt. Dem ist insofern Rechnung zu tragen, dass weder die objektive noch die subjektive List einfach gegeben ist und beansprucht werden kann. Das Symbolische realisiert sich einzig in den besonderen Interaktionsformen zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven, ihren Wirkungen und Wechselwirkungen, ihren Aktionen und Reaktionen aufeinander.

Literatur:

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Werkausgabe Bd. 12, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1970

Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852), in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, Berlin/DDR (Dietz Verlag), 1972, S. 115 – 123

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main (Fischer), 1988

Marcel Detienne, Jean-Pierre Vernant, Cunning Intelligence in Greek Culture and Society, Chicago (The University of Chicago Press), 1991

Sieglinde Grimm, “Fichtes Gedanke der Wechselwirkung in Hölderlins Empedokles-Tragödie“, in: Poetica Vol. 33, Nr. 1/2 (2001), S. 191 – 214

Kristian Köchy, „Das Konzept der ‚Wechselwirkung‘ bei Kant“, in: Hans Werner Ingensiep, Heike Baranzke, Anne Eusterschulte, Kant Reader: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Würzburg (Königshausen und Neumann) 2004, S.

Jean Starobinski, Aktion und Reaktion. Leben und Abenteuer eines Begriffspaars, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2003

Brigitte Hilmer, Scheinen des Begriffs. Hegels Logik der Kunst, Hamburg (F. Meiner), 1997