Die Aktualität der Geschichte

Die Aktualität der Geschichte

Geschichte scheint nicht nur auf eigentümliche Weise aktuell zu sein – etwa in all den Formen einer Denkmals- und Erinnerungskultur. Es ist vielmehr etwas grundsätzlich Aktuelles an der Geschichte. Um als Geschichte verstanden zu werden, müssen einzelne Ereignisse aufgerufen und in ihrem Zusammenhang aktualisiert werden. Die Zeit erscheint im Rahmen der Geschichte weder als objektive noch als subjektive Kategorie, sondern immer schon als symbolisch geprägte Form. Aktualität und Geschichte stehen in diesem Verständnis also ebenso wenig für Gegensätze wie Ereignis und Struktur oder Kontinuum: Vielmehr greifen diese Kategorien ineinander und bringen damit ein intrinsisches Element unkontrollierbarer Zeitlichkeit hervor: jenes grundsätzlich kontingente Moment an Geschichtlichkeit, indem sich die Paradoxien des modernen Zeitverständnis verdichten.

Wir können also nicht im Namen reiner Aktualität gegen die Zumutungen der Geschichte argumentieren, oder im Namen einer mehr oder minder vorhersehbaren Zukunft gegen eine zutiefst korrumpierte Herkunft. Die großen Narrative der Geschichtsphilosophie, die noch die Logiken der modernen Kunstkritik – als Modernismus, Avantgarde und Realismus – bestimmen, sind jedoch zutiefst von solchen Gegensätzen geprägt. Die Vorlesung geht den modernen Narrativen von Zeit und Geschichte nach und wird versuchen, darüber hinaus weisende Perspektiven zu gewinnen: als eine Art von Arbeit am Aktuellen, die die Möglichkeit bestimmt, Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart jenseits eines linearen Zeitverständnisses zu denken.

Literatur:

Catherine Malabou, Before Tomorrow. Epigenesis and Rationality, 2016

Catherine Malabou, The Future of Hegel: Plasticity, Temporality, and Dialectic, 2004

Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927

Martin Heidegger, Kant und das Problem der Metaphysik, 1929

Martin Heidegger, „Zeit und Sein“, 1962

George Kubler, The Shape of Time, 1962

Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, 1968

Reinhard Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 1979

Steven Toulmin, Jane Goodfield, Entdeckung der Zeit, 1985

Ilya Prigogine, Isabelle Stengers, Paradoxien der Zeit, 1988

Kittsteiner, Out of Control. Über die Unverfügbarkeit des historischen Prozesses, 2004

Marc Rölli, (Hg.), Ereignis auf Französisch, 2004