Art Critiques / Arbeitsbesprechungen – A Guide for the Perplexed

Art Critiques / Arbeitsbesprechungen – A Guide for the Perplexed

Eine Arbeitsbesprechung ist ein komischer Raum: Wir zeigen etwas, ohne wirklich zu wissen, was wir damit aussagen, und erkennen oft erst durch die Reaktionen der anderen, was wir ausgesagt haben, ohne es zu wissen. Auf der anderen Seite beurteilen wir Arbeiten, ohne im Vorhinein klare Kriterien für unser Urteil angeben zu können. Eine Arbeitsbesprechung kann sich stundenlang hinziehen, ohne dass etwas Sinnvolles gesagt wird. Sie kann unerwartete Wendungen nehmen, in der vermeintlich nebensächliche Dinge wichtig erscheinen. Sie kann intim sein und zu intim, hierarchisch und zu wenig hierarchisch. Sie kann empathisch sein und gewaltsam, und manchmal beides zugleich.

James Elkins beschreibt am Anfang seines Buchs „Art Critique. A Guide“ eine Anekdote aus einer Arbeitsbesprechung, in der einer der supervisor nach einer Performance sagt: “You know, you have very hairy legs.” – woraufhin ein lebendiges Gespräch über Beinhaare und Rasieren entsteht: „What amazed me, and continues to amaze me, is that there was no sense that the conversation had strayed off topic. It is an art critique, I thought: a place where all possible subjects are permitted, all at once. There are no rules. It was one of the strangest conversations I had ever been part of.” Diese Anekdote zeigt die Doppelbödigkeit im Format der Arbeitsbesprechung auf: „A place where all possible subjects are permitted“ kann befreiend sein. Gleichzeitig bietet die Unterbestimmtheit des Formats Möglichkeiten für Machtmissbrauch und macht es schwer, übergriffiges und manipulatives Verhalten zu erkennen: Ein Kommentar über Beinbehaarung kann eine wichtige und hilfreiche Intervention sein, oder einfach nur eine sexistische Machtdemonstration – oder beides. Die Unbestimmtheit der Gesprächssituation erlaubt es nur individuell und oft nur im Nachhinein die Grenze zwischen beiden zu ziehen.

In diesem Seminar wollen wir uns der „Arbeitsbesprechung“ von zwei Seiten nähern: Ausgehend von der Arbeitshypothese, dass die Besonderheiten der Arbeitsbesprechung nicht zufällig sind, sondern in den konzeptuellen und institutionellen Bedingungen moderner und zeitgenössischer Kunst liegen, wollen wir uns einerseits mit den historischen Rahmenbedingungen der Akademie und den ästhetischen Begriffen auseinandersetzen, die das spezifische Format der Arbeitsbesprechung ermöglichen. Zweitens wird es Raum geben, uns mit unseren eigenen Erfahrungen auseinandersetzen, und verschiedene Praktiken, Methoden und Erfahrungswerte auszutauschen, einen Umgang mit der Unterbestimmtheit von Arbeitsbesprechungen zu finden. Dabei kann es z.B. darum gehen, wie wir eine Sensibilität für strukturelle Gewalt kultivieren, ohne dabei den Möglichkeitsraum zu verschließen, in dem die besondere Kraft der Arbeitsbesprechung liegt.

Für diese doppelte Reflexionsarbeit werden wir uns nach Bedarf anschauen, welche Methoden in anderen Feldern entwickelt wurden, um unterbestimmte Situationen zu schaffen oder mit ihnen zu arbeiten: Diese spannen sich von der phänomenologischen Reduktion und Epoché in der Philosophie, über die Regeln der freien Assoziation und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse, hin zu Praktiken des radical listening in der rassismus- und sexismuskritischen Arbeit.

Dabei kann es z.B. darum gehen, wie wir eine Sensibilität für strukturelle Gewalt kultivieren, ohne dabei den Möglichkeitsraum zu verschließen, in dem die besondere Kraft der Arbeitsbesprechung liegt.

Für diese doppelte Reflexionsarbeit werden wir uns nach Bedarf anschauen, welche Methoden in anderen Feldern entwickelt wurden, um unterbestimmte Situationen zu schaffen oder mit ihnen zu arbeiten: Diese spannen sich von der phänomenologischen Reduktion und Epoché in der Philosophie, über die Regeln der freien Assoziation und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse, hin zu Praktiken des radical listening in der rassismus- und sexismuskritischen Arbeit.