Hegel und die Folgen für die Kunst

Hegel und die Folgen für die Kunst

Die Kunst genüge „ihrer höchsten Bestimmung nach“ nicht mehr den geistigen Ansprüchen seiner Zeit. Diese berühmte These Hegels vom Ende der Kunst ist eines der zentralen Motive moderner Ästhetik geworden. Jenseits ihres buchstäblichen Gehalts verbirgt sich in dieser These ein Argument, das der Kunst einen Anspruch auf Wahrheit zuschreibt, allerdings nur in einer vergangenheitsbezogenen Form. Das radikal Neue dieses wahrheitsästhetischen Anspruchs – gegenüber den aufklärerischen Idealen etwa des Schönen und des Erhabenen – wird selten gesehen, weil es sich in der Form einer Negation darstellt und weil sich darin die Verschiebung von ästhetischen Urteilen zu einer Philosophie der Kunst im Rahmen einer spekulativen Philosophie des Geistes ausdrückt.

Die intrinsische Negativität der Wahrheit der Kunst ist zum zentralen Kriterium der post-Hegelianischen Ästhetik bis hin zu Adorno und der modernistischen Kunstkritik geworden. Das Seminar wird der Frage nachgehen, wie diese Negativität und damit die Frage nach der Wahrheit der Kunst heute gedacht werden können. Denn immer noch muss eine künstlerische Ausdrucksweise im Wesentlichen wahr und nicht schön sein, um als Kunst ernst genommen werden zu können. Sie kann sich allerdings nicht einfach als wahr behaupten; vielmehr muss sie sich vom Unwahren abgrenzen, das Eigene negieren, überschreiten oder zumindest verschieben, um in einem Anderen (der Forschung, der Politik, der Sozialarbeit etc.) wahr werden zu können. Welche Kategorien und Kriterien gibt es, diese wahrheitsästhetischen Prozeduren zu erfassen, ihr subjektiv Behauptendes und ihr gesellschaftlich Bedeutsames aufeinander zu beziehen? Rekonstruiert werden soll die Frage nach einer möglichen Wahrheit der Kunst auf drei Ebenen: Erstens wird das Verhältnis der Wahrheit der Kunst zur wissenschaftlichen oder philosophischen Wahrheit untersucht, zweitens wird der Frage nachgegangen, in welchem Verhältnis der Wahrheitsanspruch einzelner künstlerischer Werke oder Praktiken zu dem institutionellen und diskursiven Netzwerk des Kunstbetriebs steht, aus dem diese Werke und Praktiken hervorgehen und drittens soll jener konstitutive Abgrenzungsakt in den Blick genommen werden, durch den sich vor allem modernistische Kunsttheorien von den in ihren Augen unwahren Künsten, dem Design, dem Film, der Pop- und Medienkultur, dem Kitsch bzw. der Kulturindustrie insgesamt unterscheiden wollen.

Im Zentrum der Überlegungen stehen daher die Bedingungen, unter denen wahrheitsästhetische Behauptungen als sinnvoll erscheinen können. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach ihren historischen Kontexten und dem theoretischen Zusammenhang ihrer zeitlichen, politischen und gesellschaftlichen Vorstellungsweisen, aus dem heraus die Vorstellung einer Negativität der Wahrheit der Kunst entstehen und bis heute eine fast unheimliche Produktivität gewinnen konnte. Darüber hinaus sollen auch die vielfältigen Wiedergewinnungsversuche einer, an Heidegger anknüpfenden, Positivität der Wahrheit der Kunst im post-strukturalistischen bzw. post-marxistischen Denken von Derrida, Kofman, Foucault und Badiou gestreift werden.

Das Seminar wird an ausgewählten Lektürebeispielen die Thesen der Vorlesung vertiefen.

Literatur:

Robert Pippin, After the Beautiful. Hegel and the Philosophy of Pictorial Modernism, Chicago 2013

Robert Pippin, Die Aktualität des Deutschen Idealismus, Berlin (Suhrkamp) 2016

Klaus Vieweg, Francesca Iannelli, Federico Vercellone (Hg.), Das Ende der Kunst als Anfang freier Kunst, Paderborn (Fink) 2015

Dieter Henrich, Fixpunkte: Abhandlungen und Essays zur Theorie der Kunst Berlin (Suhrkamp) 2003

Eva Geulen, Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel, Frankfurt am Main (Suhrkamp 2002)

Alexander Garcia Düttmann, Kunstende. Drei ästhetische Studien, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2000

Albrecht Wellmer, „Wahrheit, Schein, Versöhnung. Adornos ästhetische Rettung der Modernität“, in: Ludwig von Friedburg, Jürgen Haber (Hg.) Adorno-Konferenz 1983, Frankfurt am Main (Suhrkamp), S. 138 - 176

Sarah Kofman, Die Melancholie der Kunst, Wien (Passagen) 2007

Cathrine Malabou, The Future of Hegel: Plasticity, Temporality, and Dialectic, London (Routledge) 2004

Susan Buck-Morss, Hegel und Haiti: Für eine neue Universalgeschichte, Berlin (Suhrkamp) 2011

Frank Ruda, Hegels Pöbel. Eine Untersuchung der Grundlinien der Philosophie des Rechts, Konstanz (KUP) 2011

Slavoj Zizek, Weniger als Nichts. Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus, Berlin (Suhrkamp) 2014

Alain Badiou, Kleines Handbuch zur Inästhetik, Wien, Berlin (Turia + Kant) 2008