Eine Philosophie der holländischen Malerei

Eine Philosophie der holländischen Malerei

Hegel hatte die holländische Malerei als den „Sonntag des Lebens“ beschrieben; Menschen, die so wohlgemut auftreten, könnten nicht schlecht und niederträchtig gewesen sein. Roland Barthes hingegen war gerade dieses Wohlgemute verdächtig. Er sah darin nichts als ein biopolitisches Komplott gegen die niederen Klassen. Noch heute scheiden sich an der holländischen Malerei die Geister: manche sehen in ihr das republikanische Ideal oder gar ein Goldenes Zeitalter, andere die koloniale Phantasie einer radikalen Ausblendung. Hegel selbst hat jedoch mit den Begriffen der Szene, des Situativen und Charakteristischen Stichwörter gegeben, die spezifische Weise zu erfassen, durch die hindurch die holländische Malerei die soziale, ökonomische und politische Differenzierung ihrer Zeit repräsentierte. Das Seminar geht der Frage nach, was sich in Porträt und Gruppenporträt, Genreszenen und Interieurs, Landschaften und Stadtansichten, Stillleben und Emblemen an Vorstellungen über Natur und Kultur, Gesellschaft und Raum, Menschen und Dinge ausmachen lässt, was darin sichtbar gemacht und was verborgen wird. Ausgewählte Bildbeispiele werden vor dem Hintergrund der verschiedenen Interpretationsansätze auf ihre „impliziten“ philosophischen Momente hin befragt.

Literatur:

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik III, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1970

Roland Barthes, “The World as Object” (1953), in: Roland Barthes, Critical Essays, Evanston (Northwestern University Press) 1972, S. 3 – 12

Johan Huizinga, Holländische Kultur im 17. Jahrhundert (1941), München (C.H. Beck) 2007

Ronnie Baer, Class Distinctions Dutch Painting in the Age of Rembrandt and Vermeer, Boston (MFA Publications) 2015

Simon Shama, The Embarrassment of Riches. An Interpretation of Dutch Culture in the Golden Age, New York (Vintage Books) 1997

Svetlana Alpers, The Art of Describing. Dutch Art in the 17th Century, Chicago (University of Chicago Press), 1984

Svetlana Alpers, Rembrandt’s Entreprise: The Studio and the Market, Chicago (University of Chicago Press), 1988

Mariet Westermann, A Wordly Art. The Dutch Republic 1585 – 1718, New York (Harry N. Abrams) 1996

Simon Gikandi, Slavery and the Culture of Taste, Princeton, NJ (Princeton University Press) 2014

Susan Buck-Morss, Hegel und Haiti, Berlin (Suhrkamp), 2011

Katja Diefenbach, Spekulativer Materialismus. Spinoza in der postmarxistischen Philosophie, Wien, Berlin (Turia + Kant) 2018