Das Unbewusste und die Macht

Das Unbewusste und die Macht

Unbewusstes und Macht zeigen jeweils einen bestimmten Kontrollverlust an, ein konstitutives Entgleiten des Sinns und der Absicht auf Grund von Prinzipien, die die psychischen und sozialen Bedingungen des Denkens, Fühlens und Wollens selbst betreffen. Die Hoffnung, dieses Entgleiten stoppen und kontrollieren zu können, liegt innerhalb moderner Theoriebildungen vor allem darin begründet, die beiden Diskursivitäts-Begründer von Unbewusstem und bürgerlicher Macht, Freud und Marx, in einen inneren Zusammenhang zu bringen. Vom klassischen Freudo-Marxismus bis hin zum Lacano-Leninismus bzw. –Maoismus unserer Tage reichen diese Versuche einer wechselseitigen „Aufklärung“ von Unbewusstem und Macht. Und doch scheinen sich die beiden Kategorien auf beinahe unheimliche Weise gegen ihre innere Verschmelzung zu wehren. Ein Moment des Widerstandes scheint ihnen inne zu wohnen, dem gerade nicht durch einen neuen Meister-Diskurs zu begegnen ist.

Das Seminar versucht, eine Diskursanalyse des Verhältnisses von Unbewusstem und Macht zu umreißen. Beide Kategorien verlieren dabei ihre Einheitlichkeit als Meta-Instanzen kritischer Diskurse. Vielmehr zeigen sie eine strukturelle und inhaltliche Vielfältigkeit – das Unbewusste des Denkens, Fühlens und Wollens sowie die Macht der Klassengesellschaft in ihrer vielfältigen institutionellen Ausgestaltung oder der heteronormativen patriarchalen und rassistischen Ordnung. Im Bezug der beiden Begriffe aufeinander wird daher kein überwindendes Narrativ sichtbar, sondern ein Spannungsfeld, innerhalb dessen die aktuellen Krisen und Katastrophen in Politik und Kultur als Ausdruck der unterschiedlichen Formen ihrer Verbindung bzw. Trennung aufgefasst werden können.

Literatur:
Melanie Klein, Das Seelenleben des Kleinkindes und andere Beiträge zur Psychoanalyse, Stuttgart (Klett-Cotta) 2015
Karl Fallend, Bernd Nitzschke (Hg.), Der ‚Fall‘ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1997
Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1968
Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1983
Julia Kristeva, Die Zukunft einer Revolte, Frankfurt am Main (Brandes & Apsel) 2016
Judith Butler, Psyche der Macht: Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001
Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2003
Judith Butler, Notes toward a Performative Theory of Assembly, Cambridge, Mass. (Harvard University Press) 2015
Theresa de Lauretis, Technologies of Gender. Essays on Theory, Film, and Fiction, 1987
Frederic Jameson, Das politische Unbewusste. Literatur als Symbol sozialen Handelns, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1995
Samo Tomsic, The Capitalist Unconscious. Marx and Lacan, London, New York (Verso) 2015
Samo Tomsic, Andrea Zevnik, Jacques Lacan. Between Psychoanalysis and Politics, London (Routledge) 2016
Ivo Gurschler, Sandor Ivady, Andrea Wald (Hg.), Lacan 4D. Zu den vier Diskursen in Lacans Seminar XVII, Wien, Berlin (Turia + Kant) 2013
Jason Barker, Master Signifier: A Brief Genealogy of Lacano-Maoism, in: Filosofia 69, 2014, p. 752 – 764
Alenka Zupancic, Warum Psychoanalyse?, Zürich, Berlin (Diaphanes) 2009