Das Offene organisieren, oder: WAS IST PRAXIS

Das Offene organisieren, oder: WAS IST PRAXIS

Der Begriff „Praxis“ ist alles andere als eindeutig. So einfach es sich z. B. von „künstlerischer Praxis“ oder von der Abgrenzung der „Theorie“ von der „Praxis“ sprechen lässt, so leicht ist es, dieses Konzept in sehr verschiedenen Sinnhorizonten in Anspruch zu nehmen.

Möglich ist dies aufgrund einer wesentlichen Offenheit, die seine spezifisch moderne Form kennzeichnet: Das Proseminar geht von der Unmöglichkeit aus, einen modernen Begriff von „Praxis“ direkt und positiv zu bestimmen – und damit von der Notwendigkeit, nach den Voraussetzungen dieser Unmöglichkeit zu fragen: Welche Bedingungen erlauben es, die Struktur jener „Offenheit“ zu denken und tatsächlich zu beanspruchen? Wodurch sind ihre historischen und logischen Parameter bestimmt? Welchen Veränderungen unterliegen diese bei der Inanspruchnahme des Konzepts „Praxis“ in wechselnden theoretischen Bezugsrahmen?

Grundlegend für solche spezifisch modernen Fragen ist Aristoteles’ vormodernes Konzept von Praxis. Es unterscheidet praxis von poiesis (Hervorbringen, Produktion) und bindet den Begriff der „Praxis“ strukturell an den der „Grenze“: „[Praxis] verweist [...] auf etwas, das an eine Grenze geht“, ans Ende, den Zweck eines jeden Dings. Dieser liegt „nicht außerhalb der Handlung, sondern in ihr selbst.“ (Agamben) Entfällt diese „Grenze der Handlung“ in einem modernen „Denken der Relationen“, muss doch ein „Bezugsrahmen“ gefasst werden, der die Erwartbarkeit der Möglichkeit dieser „Offenheit“ trägt.

Denn fest steht: „reine Praxis“ gibt es nicht. Es ist unmöglich, die Frage nach der Praxis zu stellen, ohne sie anzubinden an einen – wenn auch immanenten – Charakter der Grenze. Gleichzeitig formuliert die Idee „reiner Praxis“ einen Anspruch, der den Kern ihres Begriffs ausmacht: ein großes Begehren, Versprechen einer (Los-)Lösung – und doch müssen gerade solche Ansprüche immer innerhalb eines begrifflichen Bezugsfelds gestellt werden: etwa als – implizite oder explizite – Fragen nach einem Begriff des Lebens – im Sinn einer „Lebenspraxis“, bezogen auf einen Begriff der Realität, oder bezogen auf Spuren des Faktors des spezifisch Menschlichen.

Ausgehend von dieser Notwendigkeit soll in gemeinsamen Lektüren nach der Bedeutung der Veränderungen und Kontinuitäten gefragt werden, die sich beim Übergang eines vormodernen Praxisbegriffs zu dessen modernen Konzeptionen vollziehen und erhalten. Entsprechende Varianten finden sich bei Marx. Er stellt die Frage nach der Praxis selbst in verschiedenen Formen und beantwortet sie, in veränderten theoretischen Bezugsrahmen, im Lauf der Zeit sehr unterschiedlich. Die Brüche, Verschiebungen und Spielräume in Marx’ Verständnis von Praxis spiegeln sich weiter in ihren postmodernen Aktualisierungen durch poststrukturalistische AutorInnen: Dort ermöglichen sie die Frage nach den Bedeutungen dessen, was als postmarxistische Idee von Praxis zu denken wäre.

Diese Frage ist angewiesen auf eine genauere Bestimmung der jeweiligen Logiken der Veränderung und ihrer Konsequenzen für die Register des Ontologisch-Epistemologischen, Soziokulturellen, Ästhetischen, Politischen und Psychischen – und für die Art der Organisation deren Relationen untereinander. Als Bezugsrahmen für eine solche Diskussion schlägt das Proseminar – nach einer Lektüre exemplarischer Textauszüge von Marx – deren Vergleich mit Deleuze/Guattaris Anti-Ödipus, mit Deleuzes Logik des Sinns, aber auch mit ausgewählten Texten Giorgio Agambens und Jacques Derridas vor.

Das Proseminar versteht sich als Möglichkeit zur genauen gemeinsamen Lektüre und als Anlass, theoretische Grundlagen und philosophische Bezugsfelder wie etwa „(dialektischer) Materialismus“, „Post-Marxismus“, „Dekonstruktion“, „Poststrukturalismus“, je nach den spezifischen Interessen der Teilnehmenden, zusammen zu erarbeiten und dabei aufkommende Fragen immer auch auf die eigene künstlerische oder gestalterische Arbeit zu beziehen.

Welche Textauszüge im Einzelnen gelesen werden, wird in Absprache mit den Teilnehmenden noch genauer festgelegt.

Literatur:

Giorgio Agamben, Der Mensch ohne Inhalt, Berlin: Suhrkamp, 2012.

Giorgio Agamben, The Use of Bodies. Homo Sacer IV, 2, Stanford: Stanford University Press, 2016.

Étienne Balibar, Marx’ Philosophie, Berlin: b_books, 2013.

Gilles Deleuze, Félix Guattari, Anti-Ödipus – Kapitalismus und Schizophrenie I, Berlin: Surkamp, 1992.

Gilles Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus?, Berlin: Merve, 1992.

Jacques Derrida, Limited Inc., Wien: Passagen, 2001.

Jacques Derrida, Falschgeld. Zeit geben I, Wilhelm Fink, 2012.

Jacques Derrida, Marx’ Gespenster, Suhrkamp, 2014.

Alexander Garcia-Düttmann, Jacques Derrida. Théorie et pratique. Cours de l'ENS-Ulm 1975-1976, Paris: Éditions Galilée, 2017.

Rahel Jaeggi, Daniel Loick (Hg.), Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, Berlin: Suhrkamp, 2013.

Karl Marx, Thesen über Feuerbach, http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm

Oliver Marchart, Beantwortung der Frage: Was heißt Post-Marxismus?, http://sammelpunkt.philo.at/65/1/postm.htm

Alfred Schmidt, Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Europäische Verlagsanstalt, 1993.